Die lange Nacht der (aufgeschobenen) Hausarbeiten

Den ersten Schritt zu wagen, das erste Wort zu finden - das ist für viele Studierende die größte Schwierigkeit beim Schreiben. Manchmal scheint diese Hürde unüberwindbar, wird die Niederschrift wochenlang aufgeschoben, bleibt am Ende vielleicht nur Panik als einzige Motivation. 

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Universitäre Schreibzentren in ganz Deutschland stellen sich diesem Problem und möchten eine Alternative schaffen. Statt zu Hause allein zu verzweifeln, treffen sich Studierende zur Langen Nacht der (aufgeschobenen) Hausarbeiten und arbeiten gemeinsam an ihren aktuellen Schreibprojekten. Gleich, welches Fach, welcher Studienstand oder wie weit das Schreibprojekt fortgeschritten ist: Alle schreiben. Am Abend des ersten Donnerstags im März laden die Schreibzentren dazu ein, gemeinsam gegen die Aufschieberitis vorzugehen - bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages. Seit 2010 geht das nun schon so und es breitet sich aus. Seit 2012 beteiligt sich auch das Schreibzentrum der FSU.

In Jena unterstützen die Schreibtutor_innen von SchreibenLernen in Zusammenarbeit mit Mitarbeitern der psychosozialen Beratungsstelle des Studentenwerks die Studierenden durch Impulsworkshops und in individuellen Beratungen. Die Nacht über kann an dafür bereitgestellten Arbeitsplätzen individuell geschrieben oder der Austausch gesucht werden. Freilich nicht nur mit den Beratenden. Denn gerade im Gespräch beim Treffen an der Vitamin- und Kaffeebar stellt sich oft der bleibende Effekt einer solchen Nacht ein: Hier merken alle, dass sie mit ihren persönlichen Schwierigkeiten nicht allein stehen und vor allem nicht allein gelassen werden, hier kann man erfahren, was in den Köpfen der Leute vorgeht, die sonst über ihren Büchern, Zetteln und Rechnern brüten. Das ermutigt und schafft eine ganz eigene, anregende Atmosphäre.

Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich in der Nacht vom 1. auf den 2. März 2018.

Die Teilnahme an der Langen Nacht ist kostenfrei. Wir bitten jedoch um vorige Anmeldung, um jedem/r Teilnehmenden nicht nur die Zeit, sondern auch einen Platz bieten zu können.


     Lange Nacht zwei  lange nacht drei

Bisher fanden in Jena drei Lange Nächte statt - und eine NachtSchicht.

1. März 2012 - Das Schreibzentrum richtet die erste Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten im Jena im Internationalen Centrum aus, dem "Haus auf der Mauer", und weckt nicht nur das Interesse der Studierenden, sondern auch das der Medien. Neben Beate Schuhmann und Jana Zeil von der psychosozialen Beratungsstelle bieten die Tutor_innen des Schreibzentrums Impulsworkshops an. Der Saal des Internationalen Centrums bietet ca. 45 Studierenden Platz, um mit ihren Projekten voranzukommen, das restliche Haus solchen für regen Austausch. Das Haus auf der Mauer, das mit seinem ganz eigenen Charme zu einer gelungenen Veranstaltung beiträgt, stößt allerdings schon bei der noch überschaubaren Teilnehmerzahl an seine Kapazitätsgrenzen. Auch wenn beim ersten Mal nicht alles nach Plan verläuft, erleben die Anwesenden eine anregende Schreibatmosphäre und locken mit ihren positiven Berichten noch mehr Interessenten für die kommende Lange Nacht.

28. August 2012 - Zufällig hat Goethe 253. Geburtstag, als das Schreibzentrum in seine neuen Räume zu einer NachtSchicht einlädt. Für  40 Teilnehmer_innen ist Platz bei diesem Angebot, das aufgrund der großen Nachfrage nach der Langen Nacht im März außer der Reihe veranstaltet wird. Hier treffen sich viele Schreibgruppen oder finden sich.

7. März 2013 - Die zweite Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten zieht auf den Campus um. Hier ist genug Raum für etwa 130 Teilnehmer_innen. Gleich mehrere Räume laden zum Schreiben ein und in den Seminarräumen sind Workshops und Diskussionsrunden in größerer Runde möglich. Nach Mitternacht macht sich ein Teil der Schreibenden und der Tutor_innen auf zu einem Spaziergang durch die Stadt und tauschen sich auch über Themen neben dem Schreiben aus. Aufgefrischt und zurück am Schreibplatz sind einige noch bis in die frühen Morgenstunden fleißig. Den harten Kern erwartet ein Sektfrühstück.

06. März 2014 - Mittlerweile hat sich die Lange Nacht als Event etabliert und unter den Teilnehmenden finden sich schon einige bekannte Gesichter. Wieder trifft man sich am Campus und die Uni bleibt eine ganze Nacht lang erleuchtet. Mehrere kleine Räume ermöglichen nun auch ein intensiveres Arbeiten mit Schreibpartner_innen oder mit Schreibtutor_innen. Inzwischen stehen den Teilnehmenden zahlreiche Materialblätter zur Verfügung. Die Mitarbeiter_innen des Schreibzentrums begegnen damit häufig aufkommenden Fragen. Ein Seminarraum wartet auf mit kreativen Angeboten und lädt ein, sich dem wissenschaftlichen Schreiben einmal außerhalb der Box zu nähern. Online melden sich Einzelne per Social Media und geben ihren persönlichen Fortschritt an, so entsteht auch ein Austausch über die Grenzen Jenas hinaus. 

Wie fühlt es sich an, an einer langen Nacht teilzunehmen? Vielleicht gibt folgende Notiz einen Eindruck, Nacht- und Nachgedanken eines Tutors, aufgezeichnet im Anschluss an die Lange Nacht 2012 und zumindest für diesen nach wie vor gültig:

Nach der Nacht ist vor der Nacht

von Karsten Hertrich

Können wir eine Lange Nacht "nebenher" ausrichten? Ich sehe eine Chance darin, das im Sommer noch einmal zu machen, aber entspannter, mit weniger Aufwand und weniger Rahmenangeboten - um zu sehen, wie es dann geht. Damit böte sich auch die Möglichkeit, festzustellen und Vertrauen in das zu erlangen, was man kann. Wie nebenbei würde man den Abend atmen können und die Nacht und etwas bliebe übrig über einen schwirrendem Kopf hinaus.

Das schwerste wäre an solch einer Langen Nacht, die Tische und Stühle in den Saal zu bekommen.

Und dann?

Raum geben, um schreiben zu können, Raum bieten, um ins Gespräch zu kommen und sehen, wie und was die Leute tun, wenn man sie lässt. Das ist eh das Schönste: die Absprünge. Leute, die aus der Beratung fast schon rausrennen. Oder Szenen wie diese: Menschen, die ganz ruhig und (scheinbar) für sich sitzen, notieren, schreiben, lesen, Bücher umschichten, notieren, Blätter zerknüllen, Ideen verwerfen, Papierflieger oder Vögel falten, einen Blick in einen Terminkalender werfen, weiterschreiben, kurz trinken, schließlich aufbrechen, am besten das Ganze ohne ein Wort.

Das wäre ein Wunsch, vielleicht ein allzu persönlicher.

Im Rahmen der Langen Nacht ein Buch aufschlagen oder selber ein bisschen schreiben können ohne dass jemandem etwas fehlte (Beratung, Rat, Zuspruch ...) - ein solches Bild möchte ich im Auge behalten.

Ein Abschluss, ein Abrunden könnte das vielleicht auch sein für Schreibwerkstätten, Schreibimpulse und Schreibstammtische, die im Laufe des Semesters stattgefunden haben. Wenn da 40 Leute in einem Raum sitzen und alle schreiben und denken und lachen gemeinsam, ohne dass da wer auf einer Bühne steht oder sonstwie aus dem Rahmen fällt, wäre das nicht verrückt und toll? Ist das vorstellbar? Eben. Also ist es möglich.

Es ginge bei all dem um Selbstverständlichkeit.